
Ugo Rondinone
Ankäufe für die Sammlung stehen oft in Verbindung mit der aktuellen Ausstellungstätigkeit des Aargauer Kunsthauses. Eine wichtige Schweizer Kunstposition wie Ugo Rondinone soll somit nicht nur mittels einer temporären Präsentation zur Diskussion gestellt, sondern seinem Werk auch eine dauerhafte Präsenz in unserer Sammlung gegeben werden. So war die grosse Überblicksausstellung Die Nacht aus Blei Anlass für den Ankauf von Diary of Clouds (2008).
Diary of Clouds ist eine fast sieben Meter breite und über zwei Meter hohe Wandinstallation, bestehend aus einem Holzgestell, in das Skulpturen eingeordnet sind. Das Holz ist verwittert und die rohen Planken, aus denen das Regal gezimmert ist, weisen unterschiedliche Farbschattierungen auf. Daraus ergibt sich ein warmer, fast malerischer Hintergrund für die auf fünf Tablars aufgestellten, wolkenartigen Gebilde. Es sind insgesamt 64 Skulpturen aus hellem Wachs. Die Grössen variieren, die Formen haben jede ihre ganz eigene Ausprägung. So wie die Wolken am Himmel, haben auch diese «Wolken» ihre jeweils einzigartige Gestalt. Ugo Rondinone hatte sie einzeln in Ton geformt und anschliessend in Wachs gegossen. Die Spuren der arbeitenden Hände sind in den Objekten deutlich lesbar.
Bei Diary of Clouds schwingt auf verschiedenen Ebenen eine gewisse Paradoxie mit. So liegt eine Widersprüchlichkeit im Bestreben, die sich in einer ständigen Mutation befindlichen Formen von Wolken «dingfest» zu machen und festzuschreiben. Als bildliches Phänomen sind Wolken in der Kunst ein vielfältiges Thema, wie es die 2005 im Aargauer Kunsthaus gezeigte Schau Wolkenbilder erlebbar machte. Dreidimensionale Schilderungen von Wolken sind jedoch selten und finden sich etwa im Werk von Meret Oppenheim, die 1963 in ihrer surrealistisch geprägten Arbeit Sechs Wolken auf einer Brücke wie Ugo Rondinone eine Variation von Wolkenformen schuf. Durch die Reihung wird in beiden Werken dem metamorphen Charakter des Himmelsphänomens Rechnung getragen. Eine Idee von Flüchtigkeit hat der Künstler in seinem Werk durch die Wahl des Materials bewahrt. Wachs, als Rohstoff von Kerzen, bringen wir unweigerlich mit einer gewissen Zeitlichkeit in Verbindung. Zudem ist das Material Wachs tatsächlich relativ fragil und auch dadurch potentiell vergänglich. Im Titel des Werks ist die Zeitlichkeit durch den Begriff des Tagebuchs eingeschrieben. Die Wolken scheinen – so wie Ugo Rondinones 2008 begonnene grosse Serie seiner sogenannten Tagebuchbilder (jedes Werk trägt den Titel des jeweiligen Entstehungstages) – den Ablauf von Lebenszeit zu repräsentieren.
Ein Blick auf Ugo Rondinones gesamtes Schaffen zeigt die Dualität zwischen einer expressiven, haptischen Arbeit einerseits und einem konzeptuellen, kontrollierten Schaffen andererseits. Ungefähr zeitgleich zu Diary of Clouds sind die sogenannten Gelehrtensteine (2009) entstanden, die ebenfalls in der grossen Überblicksausstellung im Aargauer Kunsthaus zu sehen waren. Diese sind das Resultat von computerberechneten, maschinell hergestellten Vergrösserungen von Naturphänomenen. Die Wolken wiederum stehen in einer sehr losen Verbindung zu möglichen Vorbildern in der Natur und sind intuitiv, mit blossen Händen aus weichem Ton geformt. Sie sind so Ausdruck nicht nur des Natürlichen, sondern auch des Kreativen und – ganz der paradoxalen Grundlinie des Werks folgend – reihen sich fein säuberlich geordnet in die Struktur des Holzgestells ein.
